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Yogis, die auf Flammen starren

Eines wissen die Yogis auf der ganzen Welt: die Konzentration des Geistes ist die Ouverture zur Meditation. Dazu ist ihnen fast jedes Mittel recht. Tratak*, die Kunst konzentriert zu schauen ohne mit den Augen zu blinzeln, ist eine feine Methode aus den sechs bekanntesten Shatkriyas. Damit gelingt es uns fast mühelos schon bald eine relativ bemerkenswerte Erfahrung zu machen und einen kleinen Switch in unserem Alltags-Bewusstsein zu erleben.

Nicht jede Träne weint

Das Geheimnis von Trataka liegt vermutlich in der Tatsache, dass die wirbelnden Gedanken im Kopf leiser und ruhiger werden – manchmal angeblich ganz aufhören – sobald unsere Augen sich nicht mehr bewegen.
Übersetzt bedeutet das Wort Trataka so viel wie ‚ruhiges Starren mit den Augen‘. Also was passiert, wenn sich die Augen auf einen Punkt fixieren und – das ist jetzt der Clou, darum geht es für eine tiefe Erfahrung – das Blinzeln mit den Augenliedern verhindert wird? Richtig, es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Augen zu tränen beginnen: also Reinigung durch provozierten Tränenfluss. Das schaut dann zwar aus wie Weinen fühlt sich aber nicht unbedingt nach Leiden an. Selbst wenn Thomas von Aquin, Theologe und Philosoph des 13. Jahrhunderts schon gesagt hat: ‚… fließt mit dem Weinen die Traurigkeit aus der Seele raus‘, braucht man heutzutage nicht mehr alle Aussagen der Heiligen wörtlich nehmen und darf seiner eigenen Erfahrung vertrauen.

Jeder Religion ihren Fokus

Yantra ... rituelles DiagrammAm Anfang wird man wahrscheinlich mit einer Kerzenflamme als Meditations-Objekt üben. Da Trataka nicht das Privileg der Yogis ist, darf jeder seine Konzentration genauso gut auf irgendetwas anderes richten: z. B. Kreuz (natürlich auch ein christliches), Yantra, Mandala, ‚Heiligen-Bildchen‘, Gottheiten, Blume u.s.w. … im Zen-Buddhismus nimmt man ganz abstrakt einfach ‚die weiße Wand‘. Interessanterweise gibt es nämlich ähnliche Formen zur Vorbereitung auf die Meditation genauso im Hinduismus wie im Christentum, tibetischen Buddhismus etc.

Trataka ganz weltlich

Auf der physischen Ebene verbindet diese  ‚Übung zur Einspitzigkeit des Geistes‘ die beiden Gehirnhälften, nährt den Parasymphatikus und sorgt damit für Ruhe, Regeneration und aktiviert die Selbstheilungskräfte. Tratak vor dem Einschlafen belohnt die Übenden oft mit einem tiefen Schlaf und manchmal mit ‚extra sweet dreams‘. Es kann auch helfen, die Sehkraft (wieder) besser zu entwickeln, fördert die Konzentrationsfähigkeit, macht die Qualität des Atems bewusst und bringt Klarheit, wenn man danach sucht. Letztendlich ergibt sich die Wirkung aus der Situation des Übenden und man darf sich darauf verlassen, dass Trataka für jeden das Richtige tut.

Sitzen – Atmen – tiefes Schauen

stira sukham asanamNatürlich geht’s zuerst wieder um’s Sitzen: sthirasukham asanam mögen wir sitzen, um den zweitausend Jahre alten Empfehlung des indischen Gelehrten Patanjali gerecht zu werden: stabil nach unten und angenehm, weit und leicht nach oben.
Und dann gibt es für die Blick-Technik des Trataka in der ersten Phase vorerst 3 Möglichkeiten:

  • Äußeres (Bahir) Trataka
  • Äußeres und Inneres Tratak kombiniert
  • Inneres (Antar) Tratak

Die genaue Übungs-Anleitung und die Möglichkeit zur Erfahrung der positiven Wirkung des ‚ruhigen Starrens mit der Kerzenflamme‘ gibt’s kommende Woche (KW 05/15) in meinen Yogastunden.
Übrigens, die ‚Vase für die Tränen‘ wie sie Sir Peter Ustinov als römischer Kaiser Nero im Film ‚Quo Vadis‘ verlangt hat, werden wir dabei nicht brauchen… angeblich waren das ohnehin nur Krokodilstränen.


 

Anmerkungen der Redaktion

  • Trataka wird in der Yoga-Literatur auch Tratak oder Tratakam genannt
  • Ekagrata (Sanskrit: एकाग्रता) … die Einspitzigkeit des Geistes, Sammeln der Konzentration auf einen Punkt
  • sthirasukham asanam. Patanjali’s Yogasutra 2.46
  • Literatur Hinweis
    ‚A Systematic Course in the ancient Tantric Techniques of Yoga und Kriya‘ 
    von Swami Satyananda Saraswati
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